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Vier Jahre Elektro-Auto

Gastbeitrag von „peets”, mit freundlicher Genehmigung übernommen aus dem GoingElectric-Forum. Vielen Dank!


Absurde, manchmal lächerliche Meinungen und Diskussionen über Elektroautos veranlassen mich, meine Erfahrungen zusammenzufassen.

Fast alle Testberichte haben mit dem Alltagseinsatz noch weniger zu tun als Abgaswerte von Verbrennungsmotoren mit Angaben dazu in Prospekten. Da bekommt ein Schreiberling ein Elektroauto geliehen und es fällt ihm nichts besseres ein als eine möglichst weite Strecke damit zu fahren und seine Erlebnisse dabei aufzuschreiben. Das ist zugegebenermaßen tapfer und sicher eines der letzten wirklichen Abenteuer, die man in Deutschland noch erleben kann. Hat aber mit einem praktischen Einsatz ebensowenig zu tun wie Berichte einer Frau, die zwar das Auto ganz nett findet, jedoch an der Suche nach Ladeparkplätzen in der Großstadt verzweifelt.

Alltagstaugliche Elektroautos gibt es seit Jahren. Wir fahren seit vier Jahren eine ZOE, „die”, weil ihr Charakter einem weiblichen Vornamen gerecht wird. Meine Frau hat sie vom „Zweitwagen” zum „Erstwagen” befördert. Nicht nur, weil der Einsatz von über 12.000 km/Jahr den unseres für Langstecken verwendeten nunmehr Zweitwagens mit ca. 9.000 km/Jahr übersteigt. Er wird für alle Strecken, vor allem für Fahrten zu Kunden und für Besorgungen eingesetzt und wir sind etwas traurig, wenn wir den ‚großen’ nehmen müssen, weil das Ziel doch zu weit entfernt ist. Allerdings hat sich im Laufe der Zeit gezeigt, dass der ideale Einsatz sich erheblich von der allgemein verbreiteten oder bestehenden Meinung unterscheidet.

  1. Ein Elektroauto ist kein Auto für die ‚tiefe’ Stadt. Natürlich ist es toll, wenn man eines in der Stadt hat. Es beschleunigt aus dem Stand wie kein anderes, was bei Stadtfahrten sehr angenehm sein kann. Es ist leise, ohne Gangschaltung, einfach fahren. Aber: Es gibt im Allgemeinen keine passenden Lademöglichkeiten. Schließlich geht es nicht an, aus dem Fenster im 3. Stock ein Stromkabel herauszuhängen, um den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Haus aufzuladen, möglicherweise noch mit einem Parkzettel hinter der Windschutzscheibe, der in zwei Stunden abläuft. Hat man eine Garage oder Carport mit Ladegerät, dann ist die Sache in Ordnung. Das gibt es aber eher in der Vorstadt, in den umliegenden Siedlungen oder in einem Dorf.
  2. Die Reichweite ist mit echten 150km bei ‚eco’ Fahrt mehr als ausreichend. Man glaubt nicht, wie oft man wenig fährt und was da so an Kilometern zusammenkommt. Auf der Autobahn schwimmt man mit den Lastwagen mit – eine willkommene Entschleunigung, wenn man es erst einmal herausgefunden hat. Auf Landstraßen steigt die Reichweite sogar noch. Leider sind die Reichweitenangaben der Hersteller ebenso falsch wie die vorgeblichen Verbrauchs- und Abgaswerte. Unsere ZOE ist mit 220km angegeben. Ich würde mir zutrauen, sie ganz vorsichtig 170km weit zu fahren aber kaum mehr. Man kann sich denken, was Fahrzeuge anderer Hersteller leisten, wenn diese 180km oder weniger angeben und dabei noch schwerer und größer bei höherer Motorleistung sind.
  3. Der Motor läuft niemals ‚kalt’. Dem Elektromotor ist es egal, ob er nur wenige Sekunden oder eine Stunde läuft. Da ist kein zusätzlicher Verschleiß wie bei Verbrennungsmotoren. Wenn ich nur an die Anzahl der Lager in einem Motor denke; der Elektromotor hat zwei. Anbauteile wie Ölpumpe, Zündverteiler, Wasserpumpe, Keilriemen, Zahnreimen, Ölfilter, Zylinderkopfdeckel, Ventile, Einspritzpumpe, Einspritzdüsen und und und – gibt es alles nicht und kann auch nicht kaputt gehen. Und das Getriebe besteht aus zwei Zahnrädern mit vier Lagern. Auch kein Vergleich mit einem herkömmlichen 6 oder 7 stufigen Automatikgetriebe das trotz aller Tricks immer noch kurze Schaltzeiten hat.
  4. Einfacher Antrieb, geringe Wartung. Mit unserer ZOE hatten wir offenbar Glück; es gab keine einzige Reparatur und der jährliche Kundendienst kostete weniger als 40€. Nach drei Jahren wurde etwas mehr getauscht und zusammen mit TÜV kamen etwas mehr als 300€ zusammen, was im Vergleich zu normalen Autos akzeptabel ist.
  5. Schwachstelle Batterie? Nun, wir hatten beim vierjährigen Kundendienst noch eine Anzeige von 100% Batteriekapazität laut Werkstatt. Inzwischen verstehe ich, dass die Batteriekapazität meist etwas höher ist als angegeben; so bekommt man Fertigungstoleranzen besser in den Griff. Nach vier Jahren ist die Reichweite zurückgegangen. Einiges geht zu Lasten eines etwas frecheren Fahrstils trotz ‚eco’-gleiten, aber auch mit der Klimaanlage wird nicht mehr so gespart. Realistisch sind das in unserem Fall ca. 15km weniger als ganz am Anfang. Wir konnten die Batterie nur mieten, was ich inzwischen als Vorteil sehe. Sollte ein Schaden an der immer noch recht teuren Batterie entstehen, so ist der durch die in der Miete enthaltenen Garantie gedeckt. Zum jetzigen Zeitpunkt, da noch keine Werkstätten preiswerte Batteriereparaturen anbieten, ist das günstiger. Leider steigen dabei auch die Betriebskosten auf Werte, die durchaus mit den Verbrauchskosten für ein ähnliches Diesel-Auto fällig werden. Die Steuerbefreiung und die geringen Wartungskosten verschaffen da Vorteile.
  6. Das Konzept „Tankstelle” passt nicht recht. Sicher, für lange Strecken in einer ferneren Zukunft wird es das geben. Wir haben im Carport ein Ladegerät und stecken die ZOE täglich an, am liebsten während des Tages, um unseren eigenen Solarstrom zu nutzen. Wir laden mit moderaten 11kW (Drehstrom, an der Ladestation einstellbar) um die Batterie zu schonen. Da der Akku sehr selten wirklich leer ist, beträgt die Ladezeit typischerweise eine Stunde, maximal 2 Stunden plus eine weitere Stunde für Balancing, was aber nicht mehr so viel Kapazität bringt. Ein großer Vorteil ist der weite Leistungsbereich, mit der speziell die ZOE geladen werden kann.
  7. Ideal scheint mir das Elektroauto auch für Pendler mit bis zu 60km einfacher Strecke. Noch besser, wenn am Arbeitsplatz tagsüber eine Lademöglichkeit vorhanden ist.

Nun wollen wir unsere ZOE verkaufen, um wieder eine neuere anzuschaffen. An Kaufinteressenten mangelt es nicht. Allerdings tauchen laufend die selben Fragen auf wie: „Ist die Batterie im Kaufpreis enthalten?” – „Nein ist sie nicht, sie kann nur gemietet werden, man hat dann keinen Ärger bei großem Kapazitätsverlust oder Defekten” usw. Man muss etwas umdenken und es ist durchaus gewöhnungsbedürftig, stets mit einem „Tankpegel”, der bei einem herkömmlichen Auto knapp über Reserve liegt, loszufahren. Etwas Mut und Zugang zu einem Zweitwagen sind schon nötig. Dafür erhält man heute schon den Fahrspaß von morgen.


Anmerkung SH: Aktuell erhältliche ZOEs mit 40kWh-Batterie haben bereits eine reale Reichweite von ca. 300km (im Sommer).