Preisausschreiben!

Ich bin am Verdursten. Brauche jetzt ganz dringend was zu trinken. Ich gehe in den nächsten Supermarkt und dort direkt zum Wasserregal. Es gibt nur eine Sorte, aber egal, Wasser ist Wasser. Was kostet es denn? Kein Preisschild am Regal, kein Klebi auf den Flaschen. Hm.

Zum Glück hab ich die passende Supermarkt-Ketten-App auf meinem Handy, da schaue ich halt da mal nach, was das Wasser hier kostet. Der Supermarkt wird zwar schnell gefunden, aber die App zeigt für Wasser hier keinen Preis an. Hm.

Ich schnappe mir eine große Flasche und gehe zur Kasse. Zahlen geht hier nur mit Kundenkarte, aber zum Glück hab ich ja eine. Auch die Kasse zeigt keinen Preis an. Die Kassiererin sagt, das sei kein Grund zur Beunruhigung, ich könne die Flasche trotzdem jetzt mitnehmen – die Kosten würden später über die Kundenkarte per Lastschrift abgebucht. Schön und gut, erwiedere ich, aber wieviel wird es denn dann sein? Achselzucken.

Nee nee, das ist mir zu unsicher. Ich stelle die Flasche wieder zurück und suche mir einen anderen Supermarkt. Zum Glück gibt es einen in der Nähe. Aber auch hier: kein Preis am Regal. Hm.

Zum Glück hab ich die passende Supermarkt-Ketten-App auf meinem Handy, da schaue ich halt da mal nach, was das Wasser hier kostet. Der Supermarkt wird schnell gefunden, und die App zeigt für Wasser hier tatsächlich einen Preis an. Na bitte, geht doch.

Aber Moment mal, die App sagt, der Preis gilt nicht per Liter, sondern richtet sich nach der Trinkdauer. Das Wasser kostet hier pro Sekunde Trinkvorgang. Trinke ich schnell, wird es also billiger, trinke ich langsam, wird es demnach teurer. Hä?

Zum Glück hab ich einen Riesendurst und einen großen Mund, also wäre ich in diesem Fall ganz gut bedient. Aber ein Freund von mir hat z.B. einen Geburtsfehler – einen sehr kleinen Mund – und kann Wasser daher nur mit einem dünnen Strohhalm trinken. Der wäre dann aber ganz schön im Nachteil.

Nee nee, das ist mir zu blöd. Ich stelle die Flasche wieder zurück und suche mir einen anderen Supermarkt. Zum Glück gibt es einen in der Nähe. Aber auch hier: kein Preis am Regal. Hm.

Zum Glück hab ich die passende Supermarkt-Ketten-App auf meinem Handy, da schaue ich halt da mal nach, was das Wasser hier kostet. Der Supermarkt wird schnell gefunden, und die App zeigt für Wasser hier tatsächlich einen Preis an. Ich schaue ganz genau hin: Der Preis gilt per Liter. Na bitte, geht doch.

An der Kasse das gleiche Spiel wie beim ersten Supermarkt: Zahlen geht nur mit Kundenkarte, aber zum Glück hab ich ja eine. Die Kasse zeigt keinen Preis an. Die Kassiererin sagt, das sei kein Grund zur Beunruhigung, ich könne die Flasche trotzdem jetzt mitnehmen – die Kosten würden später über die Kundenkarte per Lastschrift abgebucht. Da ich ja nun weiß, wieviel das sein wird, lasse ich mich darauf ein.

Endlich kann ich meinen Durst stillen. Ah.

3 Monate später bekomme ich eine Rechnung von der Supermarkt-Kette. In dieser Rechnung ist der Kauf der Wasserflasche korrekt mit Ort, Datum und Uhrzeit aufgelistet – aber der Preis scheint mir ein anderer, als ich ihn in Erinnerung habe. Die Abweichung ist zwar nicht groß, aber dennoch da. Hm.

Ich schaue nochmal in die App und bekomme denselben Preis angezeigt wie damals. Der Preis auf der Rechnung ist aber ein anderer. Hm.

Ich kontaktiere die Supermarkt-Kette. Und bekomme zur Antwort:

Die Preise für Trinkvorgänge sind basiert auf Informationen, die wir (und auch alle anderen Supermärkte) von den verschiedenen Wasserlieferanten empfangen. Leider ist diese Information nicht immer auf dem letzten Stand oder – in manchen Fällen – nicht verfügbar. Wir können daher leider im Moment nicht garantieren, dass die Preise für Trinkvorgänge in allen Supermärkten stimmen.


Total Banane, oder?

Leider sind genau diese Szenarien im Jahr 2016 traurige Realität bei der Abrechnung des Ladestroms an vielen (nicht allen) öffentlichen Ladestationen:

  • An der Ladestation selbst bekommt man keine Preisinformationen.
  • Ladestrom wird oft pro Minute statt pro kWh abgerechnet. Schnelllader zahlen dann für die gleiche Abnahmemenge viel weniger als Besitzer von Elektroautos ohne Schnelllademöglichkeit. Langsamlader berappen an solchen Ladestationen schonmal umgerechnet über 1 € pro kWh.
  • In den Apps der Ladestrom-Abrechnungs-Dienstleister werden für viele Ladestationen von Roaming-Partnern entweder gar keine oder falsche Preise angezeigt, so dass man sich darauf nicht verlassen kann.

Selbst wenn man sich vor einem Ladevorgang im Netz oder per App über die zu erwartenden Preise und Abrechnungsmodalitäten informiert, heißt das also gar nichts.

Ich finde das skandalös. Überall sonst setzt man sich einem erheblichen Abmahnrisiko aus, wenn man einem Kunden Preise für Waren oder Dienstleistungen nicht vor dem Kauf eindeutig und verbindlich zur Kenntnis bringt.

Daran ändert auch nichts das bei festgestellten Preisabweichungen sehr kulante Verhalten einiger Abrechnungs-Dienstleister, die in diesen Fällen „vorübergehend” keine Kosten berechnen. Das ist fair, aber eine korrekte Abrechnung wäre fairer.

Macht das Elektromobilität attraktiv? Sicher nicht. Noch dreieinhalb Jahre bis zur Million. Wer’s glaubt.