Meinungsmache

03.02.2020

Wie die öffentliche Meinung auch zu Elektroautos durch gezielt geführte FUD-Kampagnen manipuliert wird.

Meinungsmache

Halten wir uns einen Moment vor Augen, was sich da weltweit in den vergangenen 100 Jahren für eine mächtige, auf fossiler Energiegewinnung und Mobilität basierende Industrie etabliert und mit der Politik verflochten hat und welche monetären Gewinne da realisiert wurden und werden.

Halt. Noch nicht weiterlesen. Erst noch einen Moment darüber nachdenken und das Bild noch besser vor dem geistigen Auge Gestalt annehmen lassen. Mal alle Lebensbereiche abchecken, die das tangiert.

Öl. Kohle. So ’ne und solche. Und jede Menge davon.

OK? Beeindruckt von der eigenen Vorstellungskraft? Gut. (Aber noch lange nicht nah genug an der Realität.)

Da leuchtet es doch unmittelbar ein, dass die Protagonisten und Nutznießer dieses fossil-politischen Geflechts nicht einfach so tatenlos zuschauen werden, wie ihre Geschäftsfelder, ihr Einfluss und ihre Machtpositionen durch so krass-kluge Konzepte und technische Errungenschaften wie dezentrale erneuerbare Energie und elektrisch-emissionsfreie Mobilität obsolet werden. Es wäre naiv zu glauben, die fossilen Claims würden einfach so freiwillig aufgegeben, damit die Welt nun endlich und aber zügig sauberer und schöner werden bzw. überhaupt langfristig bewohnbar bleiben kann. Wer hier allein auf Vernunft setzt, sollte mal sein Einhornglitzer von der Brille putzen.

Desinformation

Da die Entwicklung hin zu erneuerbarer Energieversorgung aber allein schon deshalb nicht aufzuhalten ist, weil sie schlicht billiger kommt als der ganze fossile und atomare Kram mit seinen Risiken und Nebenwirkungen, versucht die alte Lobby wenigstens zu bremsen und diesen Prozess zu verzögern, so lange es geht.

Wir wissen u. a. durch die Untersuchungen von Tina Ternus, dass und wie professionelle Desinformationskampagnen gegen die Energiewende geplant und durchgeführt werden mit dem Ziel, Menschen zu verunsichern und die Entwicklung hin zu sauberer, dezentraler Energieerzeugung so lange wie möglich zu verzögern und zu erschweren.

Tina Ternus Vortrag auf YouTube
Dipl. Ing. Tina Ternus, Solaringenieurin und Energieautorin, spricht auf dem Schönauer Stromseminar am 2. Juli 2016 zum Thema: „Ein Blick hinter die Kulissen – die professionellen Kampagnen gegen die Energiewende“ (auf das Bild klicken, um den Vortrag bei YouTube anzusehen)

FUD

Diese Art Einflussnahme auf die öffentliche Meinung wird mit dem Kürzel FUD beschrieben: Fear, Uncertainty and Doubt, englisch für Furcht, Ungewissheit und Zweifel, die gesät und geweckt werden sollen.

Die eingesetzten Mittel werden dabei fein auf den Bildungsstand und die Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppe abgestimmt. Das Spektrum reicht von subtil bis brachial.

Woher kommt der Strom für die ganzen Elektroautos?

Ein schönes Beispiel ist die dieser Tage oft gehörte und gelesene Frage, woher denn bloß die Energie kommen soll, um die ganzen Elektroautos anzutreiben. Dabei stellt sie sich gar nicht (mehr), denn sie ist längst beantwortet, nicht nur vom Graslutscher, sondern z. B. auch vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMU).

Die schlichte Antwort ist: Durch weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien. Dabei wird viel weniger zusätzliche Energie benötigt, als gewisse Interessengruppen uns glauben machen wollen. Mit der Umstellung auf Elektroantrieb fällt auch jede Menge Energieverbrauch weg, der bislang zur Verarbeitung und Distribution fossiler Energieträger aufgewendet werden muss.

Um mal die Verhältnisse zu verdeutlichen: Der heutige Verkehr hat laut Prof. Maximilian Fichtner, Experte für elektrochemische Energiespeicherung von der Universität Ulm, einen jährlichen Energiebedarf von 770 Terawattstunden (TWh). Mit Elektroautos wären es nur 200 TWh, mit Wasserstoffautos dagegen sogar 1.000 TWh (Quelle).

(Ja, das ist nicht alles Elektroenergie, was da verglichen wird, insofern muss man da nochmal genau hinschauen. Mir geht es um die energetischen Größenordnungen.)

Und es werden nicht morgen schon Millionen E-Autos auf den Straßen sein, der Ablöseprozess dauert Jahrzehnte. Mehr als genug Zeit, die Energieerzeugung entsprechend anzupassen und ggf. auszubauen.

Nicht nur schlichte Gemüter lassen sich von solchen Fragen erst einmal verunsichern. Aber Verstand einschalten, genau hinsehen und Grundrechenarten bringen oft schon viel Licht in den Dschungel.

A propos Wasserstoffautos…

Ein weiteres FUD-Beispiel: Als angeblich bessere Alternative zu reinen Elektroautos (BEV) werden immer wieder Wasserstoffautos an der Möhrenangel vor uns hergeschwenkt. Weil Wasserstoffautos angeblich auch sauber sind und man sie wie aus dem fossilen Zeitalter gewohnt in 5 Minuten auftanken können soll. (Was so auch nicht stimmt, aber ich will hier nicht abschweifen.)

Weil die H₂-Verfechter nicht müde werden, uns eine bequeme, aber völlig unrealistische schöne neue Wasserstoff-Mobilität in Aussicht zu stellen, will ich auch nicht müde werden, immer wieder die nächstliegende Gegenfrage zu stellen: Woher kommt der Wasserstoff? Wird er aus Erdgas gewonnen (wie derzeit fast ausschließlich), kann damit kein Gramm CO₂ eingespart werden. Für sauberen Wasserstoff bleibt nur die Elektrolyse, und dieser Weg ist sehr energieaufwändig und erfordert von der Primärenergiequelle bis hin zum Antriebsrad auf der Straße viele technologische Zwischen-, Transport- und Umwandlungsschritte, die alle mit Energieverlusten einhergehen und den Gesamtwirkungsgrad letztlich sehr schlecht werden lassen. So schlecht, dass im Vergleich mit der Gesamtkette für BEV für die gleiche Kilometerleistung dreimal mehr Primärenergie aufgewendet werden muss, lt. Prof. Fichtner (s. o.) sogar das Fünffache.

Wer sich also Sorgen macht, woher der Strom für Elektroautos kommen soll, muss sich drei- bis fünfmal mehr Sorgen machen, woher der Strom für Wasserstoffautos kommen soll. Und das ist Physik, die man nicht schönreden kann.

Wasserstoffautos sind also keine Alternative und nur ein weiterer Versuch, die im Interesse des Klimaschutzes notwendige Elektrifizierung des Verkehrs zu verzögern. Ziel: Ungewissheit und Zweifel bei den Autokäufern wecken, damit die ja nicht auf die Idee kommen, sich einfach jetzt schon ein praxistaugliches Elektroauto zu kaufen.

Meinungsformel

Das Grundprinzip der zur interessengelenkten Beeinflussung und Generation von Meinung eingesetzten Mittel ist themenübergreifend fast immer gleich und relativ simpel. Ich will es an einem einfachen Beispiel erläutern.

Fakt

Zunächst haben wir einen Fakt, nennen wir ihn „F“.

F: 5 + 5 = 10

Kein vernünftiger Mensch kann diesen Fakt bezweifeln, denn er ist klar, einfach und beweisbar.

Behauptung

Jetzt passt dieser Fakt aber aus irgendwelchen Gründen jemandem nicht in den Kram, vielleicht, weil derjenige ein Mittel gegen Mathematikschwäche hergestellt hat und das gern verkaufen möchte. Leider wirkt dieses Mittel nur im Zahlenbereich < 10.

Er beauftragt daher eine PR-Agentur und diese entwickelt eine Kampagne auf der Basis der Behauptung „B“:

B: 5 + 5 = 6

Diese Behauptung wird nun mehr oder weniger subtil immer wieder in den Medien platziert: in Zeitungen, im Fernsehen, in Foren, in Kommentarspalten, in Blogs – wo es nur geht.

Aufmerksamkeit

Dabei sind die Kampagnenersteller nicht blöd. Ihnen ist natürlich klar, dass jeder denkende Mensch diese Behauptung sofort als den Schwachsinn erkennt, der sie ist. Aber gerade weil das so ist, wird man als Medienkonsument ja neugierig. Damit ist schonmal ein Teilziel erreicht: Aufmerksamkeit.

Mental anspruchsloseren Zeitgenossen reicht dann bereits die Tatsache, dass BLID das mal als Titel druckt, um den Fakt F = 10 für das Ergebnis einer jahrhundertelangen Mathematikerverschwörung („Was für’n Ding?“) zu halten. Große Empörung!

Trumpf

Für die anderen holen die Kampagnenersteller einen Trumpf aus dem Ärmel: Prof. Dr. Dr. math. Zahlemann von der renommierten Diophant-von-Alexandrien-Universität zu Hintertupfingen wird mit der Aussage zitiert, dass 6 eine gültige Lösung der Addition zweier Fünfen sein kann. („Na potzblitz, ich hab’s doch geahnt, dass da was dran sein muss! Die 10 kam mir schon immer irgendwie merkwürdig vor!“)

(Im Originaldokument von Herrn Prof. Dr. Dr. steht dann zwar, dass das nur in einem zwölfdimensionalen Paralleluniversum auf einem diskontinuierlichen Zahlenstrahl innerhalb des Schwarzschildradius‘ eines rechtsdrehenden schwarzen Loches auftreten kann, während das beobachtende Bewusstsein auf LSD ist – aber das ist viel zu lang und zu kompliziert, um es mit abzudrucken oder sonst irgendwie zu erwähnen.)

Meinung

Das Perfide an dieser Kampagne ist nun, dass es überhaupt nicht darauf ankommt, ob, wie behauptet, 5 + 5 = 6 ist. Das ist so dämlich, dass es eh niemand glaubt, Prof. Zahlemann hin oder her. Nein, es reicht, wenn diese Behauptung Zweifel daran weckt, dass 10 als Ergebnis korrekt ist.

Und das tut die Behauptung: Zweifel wecken. Wir sind so gestrickt und können nicht anders: Wenn „B“ tausendmal wiederholt, kopiert, zitiert, falsch zitiert und kommentiert wird, bleibt nämlich am Ende folgendes hängen:

5 + 5 = 6 ist Quatsch. Aber 5 + 5 = 10 scheint dann ja wohl auch nicht richtig zu sein. Die Wahrheit liegt bestimmt wieder irgendwo in der Mitte. Wahrscheinlich ist 5 + 5 ungefähr 8.

Damit ist das Kampagnenziel erreicht! Wir sind im einstelligen Bereich geblieben!

Und so wird auf wundersame Weise aus einem Fakt durch eine Behauptung eine Meinung. Gemacht.

Variationen

Noch cleverer ist es, gleich zwei oder noch mehr FUD-Behauptungen zum gleichen Thema aufzustellen und zu verbreiten. Dann bilden sich ganz von selbst unterschiedliche Lager, die sich die Bullshit-Positionen tatsächlich zu eigen machen und mehr oder weniger kultiviert auf Teufel komm raus gegen die jeweils andere Position verteidigen. Über den Fakt spricht niemand mehr.

Showtime

Das hat dann auch hohen Unterhaltungswert. Prof. Dr. Dr. Zahlemann wird zusammen mit Frau Dr. sc. phil. Schwurbel-Knurbel, Minister a. D. Streifchen, einem inselbegabten 12-Jährigen und einem niedlichen Pandababy in eine Talkshow eingeladen.

Frau Dr. Schwurbel-Knurbel wirft Herrn Prof. Zahlemann vor, die Jugend zum Drogenmissbrauch zu ermuntern. Minister a. D. Streifchen hebt die Erfolge in den Bereichen Suchtprävention und mathematische Grundschulbildung während seiner Amtszeit hervor. Prof. Zahlemann verwahrt sich gegen jedwede Kritik an seiner streng wissenschaftlichen Arbeit, vor allem, wenn sie von Gesprächspartnerinnen vorgebracht wird, die ihre Farbe und Form laufend ändern. Der Inselbegabte skizziert auf einer Schultafel maßstabgetreu den Galaxienhaufen MACS J1149.5+2223 und setzt sich still wieder hin. Ein nackter Studiogast wirft als Zwischenruf ein, das sei ja alles ohnehin nur eine Definitionsfrage: Wenn man die 5 als Symbol auffasst, das beliebige Werte repräsentieren kann, käme sogar 2 als Ergebnis in Betracht. Dann reden alle durcheinander, die Sendung wird wegen Zeitüberschreitung abgebrochen und anschließend macht sich Dieter Nuhr über alle lustig, die noch an zweistellige Ergebnisse glauben. Johlender Applaus.

Noam

In diesem ganz groben Zusammenhang:

„Der schlaueste Weg, Menschen passiv und gehorsam zu halten, ist, das Spektrum an akzeptabler Meinung streng zu beschränken, aber eine sehr lebhafte Debatte innerhalb dieses Spektrums zu ermöglichen – sogar die kritischeren und die Ansichten der Dissidenten zu fördern.
Das gibt den Menschen ein Gefühl, dass es ein freies Denken gibt, während die Voraussetzungen des Systems durch die Grenzen der Diskussion gestärkt werden.“

Noam Chomsky (Quelle)

Mustererkennung

Schaut euch einfach mal aktuelle Diskussionen zu Themen wie Erneuerbare Energie, Ursachen des Klimawandels, Einfluss des Menschen auf das Klima, Elektromobilität usw. an. Da kann man sehr schön sehen, wie FUD funktioniert.

Schlussfolgerung

5 + 5 ist und bleibt 10.